Donnerstag, 7. August 2014

Eine Expedition in die Alpen Asiens - Teil 2


à Den Teil 1 noch nicht gelesen? Hier geht's direkt zum Artikel: Teil 1 - Eine Expedition in die Alpen Asiens

Die nächsten 36 Stunden sind schnell erzählt: Regen, Schnee und viel Wind. Es war unmöglich, etwas zu unternehmen. Wir trotzten dem Sturm mit viel Tichu spielen, zu viert quetschten wir uns in ein ohnehin schon sehr knapp bemessenes Zweierzelt. Bis alles schmerzte was irgendwie schmerzen konnte… Mit der Zeit begannen dann auch noch die Zeltschnüre zu reissen und so hatten wir den ganzen Tag durch auch noch eine zweite Beschäftigung. Mit Reepschnüren, Schlingen und einer Steinmauer rund ums Zelt versuchten wir, unseren Unterschlupf sturmsicher zu bauen.
Der Erfolg hielt sich jedoch in Grenzen, sicherlich war’s etwas besser geworden, doch bleibt es ein Wunder, dass die Zelte dem Sturm mehr oder weniger unbeschadet 36 Stunden standhielten.
Am nächsten Morgen war das Unwetter zwar noch nicht ganz vorüber, aber immerhin hatte es aufgehört zu regnen und schneien. Auch der Wind hatte etwas nachgelassen. Beim Morgenessen hielten wir dick eingepackt Kriegsrat.
Einige des Teams beschlossen abzusteigen, denn viele litten an Magenverstimmungen und ähnlichem. Unsere einheimischen Begleiter hatten da ihre eigene Abhilfe, jeden Abend wurde Vodka getrunken. „Not for drinking, it’s for medicine“, erklärten sie mit starkem russischem Akzent.


Noch schneit es nicht; beim Abstieg von der Weissen Melone.
Foto: M. Truffer

Da die Wetterlage an diesem Tag alles andere als stabil war, beschlossen wir, nur den Weg zur „Weissen Melone“ auszukundschaften. Wir hatten während der ganzen Reise nämlich sehr viele Melonen gegessen und so sah die grosse Schneeflanke des Gipfels dann plötzlich aus wie eine halbierte Melone, deshalb der etwas merkwürdige Name.
Als wir uns oben auf dem Gletscher durch das Labyrinth von Gletscherspalten kämpften besserte das Wetter und so standen wir bald einmal mitten in der Schneeflanke und etwas später dann auf dem Gipfel.
Beim Abstieg begann es wieder zu regnen und schneien, ziemlich durchnässt legten wir uns noch für die letzte Nacht in die Zelte.



Unbestiegene 4000er soweit das Auge reicht, die Aussicht von der "Weissen Melone". Foto: L. Felber


Auf dem letzten Stück vor dem Gipfel.
Foto: A. Schlunegger
Der höchste und imposanteste aller Gipfel in der Umgebung wartete bis am letzten Tag geduldig auf unseren Besuch. Wir starteten am nächsten Morgen noch das letzte Mal in Richtung Gletscher, der Wind war immer noch enorm stark und die Gratkletterei diesmal etwas anspruchsvoller. Über Granitbrocken und Eisfelder ging’s dem Gipfel entgegen. 
Überglücklich erreichten wir nach fünf Stunden den 4749 Meter hohen Gipfel. Obwohl sehr wahrscheinlich noch niemand diesen wunderschönen Gipfel erklommen hatte, trägt er bereits den Namen „Kundebe Peak“, übersetzt heisst dies Morgenlicht.
Und wenn man die Schneeflanke einmal bei Sonnenaufgang gesehen hat, weiss man auch warum!

Auf der Suche nach einem Steinmännchen oder sonstigen Zeichen von jemandem, der vor uns da oben war, wurden wir von zwei Himalaya-Griffon überrascht. 
Eines der unzähligen Gipfelfotos.
Die beiden riesigen Vögel tauchten plötzlich aus den Wolken auf, zogen zwei Kreise über dem Gipfel und uns und flogen dann weiter. Unsere Suche nach einem Zeichen war erfolglos geblieben, wir sind also die Erstbesteiger von „Kundebe“.
Schnell machten wir uns ans Aufschichten eines Steinmännchens und legten eine gut verpackte Nachricht und ein Schweizerfähnlein hinein.

Der Abstieg zog sich dann etwas in die Länge, denn wir mussten am Gletschercamp vorbei direkt ins Basislager absteigen. Ziemlich erschöpft erreichten wir nach etwa 13 Stunden das Camp und erfuhren, dass die Zelte beim Sturm weggefegt wurden.
Zum Glück hatten die Anderen schon fast alles wieder mehr oder weniger zusammengeflickt. Es musste aber auch nur noch für eine Nacht reichen, denn am nächsten Morgen packten wir den Kamaz wieder und fuhren zurück nach Bakombaeva.

Die erste Spur zum Peak "Kundebe".

Ein "Alpenmeer", der Yssik-Kul See.

Die Reise führte uns noch zum Yssik-Kul See, dem zweitgrössten Binnensee der Welt. Zwölf Mal so gross wie der Bodensee könnte man glauben im Meer zu baden. Wäre da nicht die Höhe etwas unpassend, denn der See liegt auf 1600 Metern!
Wir übernachteten nochmals in Yurten und erreichten schliesslich wieder Bishkek. 

Gemeinsam mit Laura Riedle spannten wir mitten in der Stadt noch eine Mini-Highline und genossen nach den kalten Tagen nochmals die asiatische Hitze. Die deutsche Slackline-Tools Athletin war schon fast ein Jahr in Kirgistan unterwegs, kann unterdessen fliessend Russisch und zeigte uns den kleinen Highline-Spot.


Einen Tag später flogen wir mit einem kleinen Zwischenhalt in Istanbul wieder zurück in die Schweiz. Mit vielen Erfahrungen, Eindrücken und Erlebnissen im Rucksack verabschiedeten wir uns von den lokalen Organisatoren.
„Auf Wiedersehen“ sagte ich jeweils, war mir des Versprechens aber noch nicht wirklich bewusst.
Unterdessen ist mir aber klar, Kirgistan ich komme wieder!


An dieser Stelle noch ein grosses Dankeschön an Adolf Schlunegger, dem Schweizer Organisator; ITMC mit Vladimir Komissarov, dem lokalen Organisator; den beiden einheimischen Bergführern Misha und Yaroslav und natürlich dem ganzen Team für diese unvergessliche Reise!

Geschrieben von Benj.