Donnerstag, 7. August 2014

Eine Expedition in die Alpen Asiens - Teil 1


Kirgistan, das klingt nach einem Ländernamen. Doch wo das genau ist, wusste ich zu Beginn überhaupt nicht, und was es dort zu tun gibt erst recht nicht.
Jetzt, nach einer knapp einmonatigen Expedition mit zwölf Schweizern weiss ich einiges mehr. Es ist einerseits ein Land wo Korruption alltäglich ist, wo fliessendes Wasser ein Luxus ist und wo die Sowjetzeit noch lange nicht vergessen ist. Doch es ist auch ein Land, wo es von unbestiegenen Gipfeln nur so wimmelt und Natur noch nicht künstlich ist. Zudem weiss ich nun auch, wie es sich anfühlt als Erstbesteiger einen Gipfel taufen zu können. Von jetzt an gibt es in Kirgistan einen Peak Benj, etwas das ich später sicher noch den Grosskindern erzählen werde.

Eine Nebenstrasse in Bishkek.
In Bishkek, der Hauptstadt Kirgistans, verbrachten wir unsere ersten Tage. „Chaotisch“ würde ich sagen, wenn ich die Stadt mit einem Wort beschreiben müsste.
Denn es wimmelt nur so von Autos, Müll wird am Strassenrand einfach verbrannt und ein Gemisch aus Abgasen, Staub und anderem Rauch liegt über der Stadt.
Wenn man jedoch bedenkt, dass die Kirgisen früher als Nomaden durch das Land zogen und erst vor ungefähr achtzig Jahren sesshaft wurden, habe ich durchaus Verständnis, dass noch nicht alles funktioniert.
Wie heikel die Lage ist, sieht man als Tourist gar nicht auf den ersten Blick. „Manchmal glaube ich, es gibt keine Besserung, dem Land geht es so schlecht. Aber dann gibt es auch Momente, da sehe ich eine Zukunft, eine Hoffnung auf ein besseres Leben“.
Erst nach Sätzen wie diesen von Einheimischen erhielt ich ein klareres Bild und mir wurde einmal mehr bewusst, wie sehr die Schweiz im Ausland als Paradies betrachtet wird.

Schon fast eine Märchenlandschaft; 
die Hochebene um den SonKul-See.
Zur Akklimatisation fuhren wir mit zwei kleinen Bussen zum SonKul-See. Dieser liegt auf einer schier endlosen Hochebene auf ca. drei tausend Metern.
Durch die Tage fehlte mir immer die Zeit zum Schreiben, so holte ich dies jeweils während den Fahrten nach, jedoch mit einem kleinen Haken. Im Hinterland gibt es nur noch Staubstrassen. Wie in Bishkek sind auch diese Strassen mit vielen Schlaglöchern, Steinen und anderen Hindernissen verziert. Und so fällt mir das Entziffern meiner Notizen jetzt nicht gerade leicht.


Auf der Ebene übernachteten wir in Jurten, den zeltähnlichen Hütten der kirgisischen Hirten. Aus Schafswolle werden Filzteppiche hergestellt und auf ein Holzgerüst gespannt, daraus entsteht eine gemütliche und erstaunlich warme Hütte. Sogar ein Teil der kirgisischen Flagge wurde der Jurte gewidmet. Der Giebel besteht aus sich kreuzenden Ästen und heisst in lateinischen Lettern in etwa „Tündük“. Dieses erkennt man als Symbol in der Sonne auf der kirgisischen Flagge wieder.



Von den Jurten aus unternahmen wir einige Wanderungen und nutzten die Zeit auch zum Highlinen. Auf einer Wanderung fanden wir einen halbwegs geeigneten Spot und machten uns tags darauf an die Arbeit. Wir konnten glücklicherweise ein gutes Stück auf Pferden reiten, denn ich war an diesem Morgen überhaupt nicht fit. Mit Kopfschmerzen, Fieber und brennenden Augen ging ich nach dem Morgenessen nochmals schlafen und so starteten wir erst etwas später.

Eine ziemlich windige Angelegenheit, auf der "Shamal".
Foto: K. Schlunegger
Oben auf dem kleinen Gipfel blies ein kräftiger Wind und während dem Aufbau hatte dieser sogar noch zugenommen. Sogar das Tapen wurde zur Herausforderung und an Laufen war nicht zu denken. Etwas später windete es zwar immer noch heftig, aber immerhin nur noch böenartig. So konnten Kili und ich immer bei Windstille einen Versuch unternehmen. Wenn wir Pech hatten, war die Windstille nicht lange genug um die Line zu laufen. Wir wurden immer wieder einfach von der Line gefegt.
So einigten wir uns dann für unser Tagesprojekt auf den Namen „Shamal“, dies ist Kirgisisch und heisst einfach „Wind“.
Die Line war weder exponiert, noch besonders hoch. Doch die Aussicht über die riesige Hochebene und den See machte dies allemal wieder wett. Wegen der Höhe wachsen weder Bäume noch Büsche, die ganze Landschaft besteht entweder aus Gras oder auch einfach nur aus verdorrter Erde.
Auch bei den Jurten nahmen wir uns einmal die Zeit, eine Slackline aufzubauen. In einem Gebiet, wo eben eben wirklich eben bedeutet, ist das gar nicht so einfach! Wir halfen uns dann mit zwei wahrscheinlich sehr kostbaren Ästen, die mit etwas Reepschnur zu einem A-Frame wurden und einem langen Eisenstab als Bodenanker.



Die Reise ging nach diesen Tagen am Son-Kul See weiter nach Bakombaeva, ein kleines Dörfchen nahe des Kongurleng - Tals. Hier trafen auch die Einheimischen des Expeditionsteams ein; Fahrer, Koch, die beiden Bergführer Misha und Yaroslav und weitere wichtige Helfer begleiteten uns von da an. Zuerst holperten wir noch relativ gemütlich über eine bereits vorhandene Fahrspur, etwas später nur noch querfeldein und teils mit beängstigender Schräglage ins Tal hinein. Sascha, unser Fahrer, hatte den alten aber trotzdem sehr geländegängigen russischen Militärtransporter namens Kamaz jedoch perfekt im Griff. 

Unser Fahrer Sascha und sein Kamaz.
So machte er auch nicht Halt vor einem Fluss und pflügte sich mit schier endloser Kraft weiter ins Tal hinein. Als eine Weiterfahrt dann doch zu gefährlich gewesen wäre, schlugen wir unser Basecamp auf. Mit all dem Material, Essen und den vielen Zelten wurde das Ganze ziemlich gross.
Hier oben wurde mir dann auch bewusst, wieso Kirgistan häufig mit der Schweiz verglichen wird. Die Landschaft mit den vielen Schneebergen und Tälern sieht wirklich ähnlich aus, wie zum Beispiel die Walliser-Alpen. Jedoch mit zwei wichtigen Unterschieden: Erstens haben hier fast alle Gipfel weder Namen noch sind sie schon einmal bestiegen worden und zweitens wirkte die Ruhe und Abgelegenheit viel stärker als in den Schweizer Bergen auf mich. Kein einziges Flugzeug weit und breit und keine Spuren von Menschen.


Beim Aufstieg in's Gletschercamp. Foto: A. Schlunegger
Am nächsten Morgen ging’s dann auch schon los Richtung Gletschercamp. Gemeinsam mit den Einheimischen, die weiteres Material hochtrugen, wanderten wir zuerst über Geröll und später über den Gletscher den Bergen entgegen.
Unser Lager platzierten wir auf 3848m ü.M. auf einer Mittelmoräne. Das Eis war leider nur mit einer dünnen Steinschicht bedeckt, so dass uns der Aufbau der Zelte schon einige Baukünste abverlangte.
Vom Lager aus hatte man einen wunderschönen Ausblick auf imposante Gletscherabbrüche und natürlich auf Gipfel, die unbedingt erklimmt werden wollen. Die Vorfreude auf die nächsten Tage wurde nochmals grösser!

Am Tag darauf unternahmen wir eine Erkundungstour den Gletscher hinauf, denn unsere Karten stammten noch aus der Sowjet Zeit und waren somit nicht gerade die Aktuellsten.
Wir erreichten zwei Pässe und entdeckten plötzlich einen Steinturm. Darin vergraben war eine Nachricht, einige Russen wanderten 2003 von einem Sattel zum Nächsten.

Unglaublich, in dieser Gegend waren bis jetzt also höchstens eine Handvoll Menschen. Und auf den umliegenden Gipfeln war somit tatsächlich noch niemand. Dass es solche Orte auf der Erde überhaupt noch gibt, war für mich bis anhin völlig unvorstellbar!

Knapp zu erkennen, wir stehen auf dem Peak Benj.
Foto: K. Koch
Später am Tag teilten wir die Gruppe auf, gemeinsam mit Henry und den beiden einheimischen Misha und Yaroslav erkletterten wir über viel Geröll und nur wenig Schnee noch zwei nahe Gipfel.
Für die Beiden war von Beginn an klar, dass die Gipfel Peak Henry und Peak Benj heissen sollen.
Mir schien das zu Beginn ziemlich übertrieben, doch jetzt muss ich ehrlich zugeben, ich bin schon ein wenig stolz darauf.


Wie wir in einen Sturm geraten, später aber doch noch weitere Gipfel erklimmen konnten und was wir sonst noch alles erlebten, kannst du  im Teil 2 lesen! Hier geht's direkt zum Artikel: Teil 2 - Eine Expedition in die Alpen Asiens

Geschrieben von Benj.