Donnerstag, 21. August 2014

Zwischen Zipfelmützen und Lobhörnern


Kurz zur Geschichte: 2013 konnte das Projekt zum ersten Mal von acht waagemutigen Slackline-Athleten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz realisiert werden. Ich schreibe das jetzt so, weil das Projekt seither schon sieben Mal zu wiederholen versucht wurde und jedes Mal am schlechten Wetter scheiterte. Nach über einem Jahr schienen die Aussichten nun endlich Mal nicht so schlecht – eine Chance, die es zu nutzen galt. Neben Bernhard kamen Marc und ich mit, Tom und Picu folgten uns etwas später nach. Ausserdem organisierte Bernhard ein Filmteam, das aus Kilian und Joachim bestand.


Das Ziel vor Augen
Samstags Morgens früh im Bahnhof Bern trafen Marc und ich auf einen extrem überladenen Bernhard, dessen bis oben hin gefüllter Rollkoffer schon von weitem beängstigend schwer aussah. Mit 400m Seilen und Slacklines beladen ging es in Richtung Lobhörner. Lustig war herauszufinden, wie jeder so seine kleinen Luxusgegenstände besitzt die er freiwillig den Berg hochträgt. Mit im Angebot: ein Kaffeekocher von Joachim, eine riesige Schlafmatte von Marc, die fast unbenutzte Steadycam von Kilian, zwei nicht ganz kleine Entlastungsbänder von Bernhard und eine Kokosnus von mir. Was am wertvollsten war, sei natürlich jedem selbst überlassen. Das Filmteam hatte ähnlich wie wir viel eigenes Equipment zum Hochtragen dabei, so dass wir alle mit ziemlich überfüllten Rucksäcken starteten. 
Kilian bei den Dreharbeiten im Nebel
Während dem gut dreistündigen Aufstieg macht man etwa 800 Höhenmeter. Wobei man ehrlich zugeben muss, dass wir ein wenig schummelten als wir unsere Rucksäcke einem Bergbauern mit auf die Gondelbahn gaben und so ein paar hundert Meter Anstrengung sparten. Oben angekommen war der Plan gleich mit dem Rigging zu beginnen. Die Hoffnung war beide Lines bis zum Abend fertig gespannt zu haben. Nachdem Bernhard zum mittleren Gipfel, dem Kleinen Lobhorn, hochgeklettert war und ein Fixseil eingerichtet hatte, stiegen wir alle nach und nach ebenfalls hoch. Im Vorhinein hatte Bernhard uns schon bei einem kurzen Briefing Mut gemacht. Zum Klettern sei der Fels zwar brüchig, aber dafür nicht gut abgesichert. Das stellte sich zum Glück nur oben auf dem Kleinen Lobhorn als wahr heraus, wo alles loose herumlag. Mir wurde die erfreuliche Aufgabe zugeteilt mit einem gut gefüllten Bergrucksack am Seil aufzusteigen um das restliche Material nach oben zu transportieren. Ich hatte am Fuss der Wand noch ein kleines Nickerchen gemacht und war somit als letztes dran mit dem Hochklettern. Im Nachhinein kann ich gut nachvollziehen warum es kein Wunder war, dass das Schwerste aus lauter Güte untengelassen wurde. Ich erinnerte mich an Simon, der letztes Wochenende ebenfalls mit meinem fetten Bergrucksack am Niederhorn fünf Seillängen geklettert war. Dann könnte das ja nicht so schlimm werden, war so der erste Gedanke – quasi eine gute zusätzliche Challenge.



Joachim, im Hintergrund die Zipfelmütze
Nachdem ich für die ersten fünf Meter rund 10 Minuten gebraucht hatte und noch geschätzt 50-60 Meter vor mir waren, begann ich ziemlich schnell von gesundem Optimismus zu leichten Fluchanfällen überzugehen. Ich versuchte so viel zu Klettern wie möglich, denn das Seil ripste ständig an den scharfen Felskanten, was nicht schön anzusehen war und ausserdem war der Seilaufstieg auch nicht viel angenehmer. Eine gute Ewigkeit später kam ich dann entnervt aber doch glücklich es geschafft zu haben oben an. Nie Wieder! Mehr sage ich dazu jetzt nicht. Wir wollten zwei Lines spannen: Die bereits bekannte 47m lange Line nach rechts zur Zipfelmütze hin und eine neue, bereits eingebohrte, aber noch nie gespannte 33m Line zur linken Felswand. 


Morgens auf dem Weg zum Einstieg
Joachim und Kilian wagten sich an die Zipfelmütze – den schwierigsten Kletterteil dieses Projekts. Ein am Aufbau mithelfendes Filmteam, dazu sagt man natürlich nicht nein. Bernhard seilte sich ab um auf der anderen Seite die Verbindung zu machen und den Stand einzurichten. Marc und ich blieben auf dem Kleinen Lobhorn und begannen unsere Fixpunkte einzurichten. Ein paar Stunden später sah die Situation allerdings nicht mehr so wirklich rosig für uns aus. Nebel war aufgezogen und das Filmteam steckte bei der zweiten Seillänge zur Zipfelmütze fest. Weder Marc und ich sahen sie, noch sahen sie wo sie hinklettern sollten, was sich eher ungünstig auf den Erfolg auswirkte. Bei Bernhard auf der anderen Seite sah es sogar noch schlechter aus. Er hatte Probleme Sicherungsmöglichkeiten zu finden. Marc hatte das Ende des Sicherungseils in der Hand, so dass Bernhard nicht weiter konnte. Wegen des Nebels wusste er zudem nicht auf welcher Höhe der Stand sein könnte. Marc und ich hatten Mühe einzuschätzen wann es im Nebel eindunkeln würde. Langsam aber sicher begannen wir uns Sorgen zu machen, was uns dazu brachte für diesen Tag abzubrechen. Kilian und Joachim verliessen mit kalten Fingern die Kletterroute, kamen zurück und seilten sich ab. Wir machten es genauso. Mittlerweile waren Tom und Picu angekommen. Sie hatten einen guten Platz zum Schlafen auf dem Bergsattel gefunden. Nach einer guten Portion Spaghetti mit einer eher umstritten leckeren Sauce ging es ins Biwak.  


"Close to flying" - das verwackelte HDR-Bild
beschreibt die Situation gar nicht so schlecht.
Am nächsten Morgen ging der Tag früh los. Interessant zu sehen war der Nebel, welcher voralem Morgens immer wieder von einem auf den anderen Augenblick die gesamte Umgebung verschwinden liess. Picu und Joachim machten sich als erstes auf die Socken um die Zipfelmütze hochzuklettern, was dieses Mal dank Picu's Kletterkünsten auch gelang. Anschliessend waren Bernhard und Marc an der Reihe. Sie fanden mit Tom's Hilfe ebenfalls erfolgreich den zweiten Ankerpunkt der kürzeren Highline. Tom und ich beschäftigten uns auf dem mittleren Turm mit der Band- und Seilübergabe auf die beiden Seiten und dem anschliessenden Spannen der Lines. Es mag den Eindruck erwecken als ob das alles so schnell von statten ging, was leider nicht ganz stimmt. Erst nach dem Mittag waren wir mit allem fertig. 

Picu auf der Zipfelmützen-Line
Uns blieb also gar nicht mehr so viel Zeit um zu Laufen. Am Schluss reichte es aber gerade für jeden auf den beiden Lines gewesen zu sein, was echt toll war. Bernhard begann mit einer Erstbegehung der kürzeren Line. Obwohl ich beim Spannen am Flaschenzug mein bestes dafür gegeben hatte, dass keine Rodeo-Highline entstand, kam Bernhard doch mit dem Kommentar „Wie eine Wäscheleine“ zurück. Ich war als nächstes dran und hatte sehr viel Mühe mit der Line. Nach schwerem Kampf konnte ich sie in eine Richtung laufen. Parralel dazu war Tom mal eben kurz über die lange Line gelaufen. Dieser Leistung schloss sich Marc gleich an, was auch ziemlich gut zu seinen bemerkenswerten Fortschritten im letzten halben Jahr passt. 

Als der Nebel sich verzog, hatte man freie Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau


Freude über die gelungene Aktion, 
Foto: Tom Buckingham

Während wir am laufen waren, hatten sich Joachim und Kilian abgeseilt um noch Aufnahmen mit der Drohne zu machen. Bernhard lief die Zipfelmützen-line beim zweiten Versuch hin und zurück Fullman. Picu machte auch mehrere starke Versuche und konnte ein paar schöne, stabile Schritte machen. Genau wie ihm fiel es mir erstaunlicherweise auf dieser Line fast einfacher als auf der Kürzeren. Ich ging ohne jegliche Ambitionen auf die Line und konnte mich total überraschend von der Höhenangst und sonstigem Druck lösen, so dass ich auf einmal mit nur einem Catch auf der anderen Seite stand. Ein überwältigendes Gefühl wenn man so überhaupt nicht mit dem Gelingen gerechnet hat. Ein weiterer Grund warum diese Sportart immer wieder von Neuem so faszinierend ist.

Geschrieben von Fäbu.